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Wednesday, May 16, 2012

nicht zuviel

Beschwer über den Bart

Was ist bey schönem Mund ein starck gewachsner
Bart/
Der Liebe Wespen-Nest/ ein Dornstrauch um die
Rosen/
Ein Stoppel süsser Frucht/ ein scharffer Distel-Zaun/
Ein Schrancken/ welchen wir den Hafen sperren
schaun/
Ein spitzer Schifer-Felß in stiller Venus-Fahrt?
Wer preist die Käste/ so die Stachel-Schale deckt.
Die Perle/ welche noch in rauher Muschel steckt?
Mit was für Anmutt ist dem Barte liebzukosen?


Hans Aßmann von Abschatz (1646-1699)

Ansichten

Klugheit der Welt

Du hast den Seneca und Plato wohl gelesen;
Allein du kennest nicht der Welt verkehrtes Wesen.
Menalcas, glaub’, es steckt viel Weisheit im Betrug,
Viel Wissenschaft in den Gebehrden.
Du hast Verstand, doch nicht Geschicklichkeit genug,
Auch von den Narren selbst für klug geschätzt zu
werden.




Christian Wernicke (1661-1725)

Tuesday, May 8, 2012

nach der arbeit

Max Dauthendey





Ich küsse die Luft,
Ich umarme die Wärme der Nächte.
Mir ist, es müsse von meinem Harme, meinem Sehnen
Aus der Leere dein Auge aufsprießen,
Zu mir fließen dein blauender Blick.
Sonne brütet,
Sommergras glüht,
Vom roten Mohn sprüht brünstiger Schein.
Ich strecke die Arme,
Erbarme dich, Licht,
Mich küssen hungrige Nächte.

Friday, May 4, 2012

takt

Hemden denken

Wir müssen nicht nur Tassen
haben müssen schöne Tassen haben
wir müssen nicht nur Hemden
haben müssen schöne Hemden haben
wir dürfen denken was wir denken
dürfen schöne Tassen denken müssen
schöne Tassen machen dürfen schöne Hemden
denken müssen schöne Hemden machen
müssen denken daß die Tassen
über schönen Hemden Flecken machen
denken nach wir müssen denken klatsch wir brauchen
zum Waschen ein Mit-tel
…….schnell !!!







Frank Milautzcki (*1961)

Thursday, May 3, 2012

in gedanken

jardins des tuileries

in den gärten ein verschwitzter hang
zur symmetrie, buchsbäume, kegelig zivilisiert,
hitze und schon wieder der identische brunnen,
überladen, ganz leise verwirrend entlang einer
psychischen achse gespiegelt. so heiß dann ich
als varianz an seiner feuchten hand, ein schleier,
wie ein innerer nebel, kondensate, tröpfchen bildend,
wir denken mit den haaren, mit den härchen und
wo es den körper hinaus geht, geht es wieder hinein,
ist es warm wie beim betreten eines innenraums,
vielleicht ein dampfiges zimmer inmitten der lunge,
die durchtriebene weichheit orientalischer kissen,
hingaben im rhythmus des handkantenschlags und
der symmetrische nachgeschmack unserer grenzen.

Monika Rinck (*1969)

stripes


Leben und Tod

Sucht das Leben wohl den Tod?
Oder sucht der Tod das Leben?
Können Morgenröte und das Abendrot
Sich auf halbem Weg die Hände geben?
Die stille Nacht tritt mitten ein,
Die sich der Liebenden erbarme!
Sie winkt: es flüstert: “Amen!” – Mein und dein!
Da fallen sie sich zitternd in die Arme.

Eduard Mörike (1804-1875)

du gehörst mir

Dies ist das letzte Gedicht

das ich
dir schreiben werde. Nichts ist, wie
du es erwartest: eine Reihe
aus Bildern ohne Bilder, in denen
die Wände nur weiß sind und nichts
zeigen außer sich selbst. In den Bildern:
eine Schachtel aus Luft in einer Schachtel
aus Raum in den Bildern. Nichts ist
in der Schachtel in der Schachtel
die nicht aus Fleisch ist wie du
oder ich. Weiße Wände. Außer
der Schachtel, die nur im Gedicht
ist, erwartest du mich ohne Bilder
und Fleisch ohne Schachteln und Luft.

Sandra Trojan (*1980)

die süssen stunden

Verliebte Aue

Wo sind die stunden
Der süsssen zeit /
Da ich zu erst empfunden /
Wie deine lieblichkeit
Mich dir verbunden?
Sie sind verrauscht / es bleibet doch dabey /
Daß alle lust vergänglich sey.
Das reine schertzen /
So mich ergetzt /
Und in dem tieffen hertzen
sein merckmahl eingesetzt /
Läst mich in schmertzen /
Du hast mir mehr als deutlich kund gethan /
Daß freundlichkeit nicht anckern kan.

Christian Hofmann von Hofmannswaldau (1616-1679)

Wednesday, May 2, 2012

ein spiel

Herman Allmers (1821 1902)

Feldeinsamkeit
Ich liege still im hohen, grünen Gras
Und sende lange meinen Blick nach oben,
Von Grillen rings umschwirrt ohn’ Unterlaß,
Von Himmelsbläue wundersam umwoben.
Und schöne, weiße Wolken ziehn dahin
Durchs tiefe Blau wie schöne, stille Träume;
Mir ist, als ob ich längst gestorben bin
Und ziehe selig mit durch ew’ge Räume.

Saturday, April 14, 2012

pressure

 Words Are the Diminution of All Things
The brief secrets are still here,
and the light has come back.
The word remember touches my hand,
But I shake it off and watch the turkey buzzards bank and wheel
Against the occluded sky.
All of the little names sink down,
weighted with what is invisible,
But no one will utter them, no one will smooth their rumpled hair.
There isn’t much time, in any case.
There isn’t much left to talk about
as the year deflates.
There isn’t a lot to add.
Road-worn, December-colored, they cluster like unattractive angels
Wherever a thing appears,
Crisp and unspoken, unspeakable
in their mute and glittering garb.
All afternoon the clouds have been sliding toward us
out of the Blue Ridge.
All afternoon the leaves have scuttled
Across the sidewalk and driveway, clicking their clattery claws.
And now the evening is over us,
Small slices of silence
running under a dark rain,
Wrapped in a larger.
Charles Wright(*1935)

Friday, April 13, 2012

davor

Sicherheit im Glück

Sag’ einem, der erfreut dem Glück im Schooße lieget,
Daß dessen Stille stets die Sicherheit betrüget,
Daß es uns, ehe wir es recht erkannt, verläßt;
Er höret dich nicht mehr, denn junge Hochzeitgäst’
Den Wächter, der des Nachts die Stunden rufet, hören;
Er spottet deiner Gunst und lachet deiner Lehren,
Und alle deine Wort’ entführt der schnelle Wind.
Ein Glücklicher ist taub, sowie das Glück ist blind.

Christian Wernicke (1661-1725)

milde des mittags

milde des mittags
blinzelnde lüfte, erstes zwitschern / während ich flüstere noch mit gevatter schlaf, / verhandele den traum von morgen. // durch das offen gebliebene des fensters geht das eine / heraus, das andere herein. / das erwachen ist kein moment, / es hat eine geschichte / der nacht, // bevor der mittag sich zum tag formt. / singe ich noch? / oder schlaf' ich schon? bin ich / lebendig oder tot auf anruf? / trunken war ich / in die ausnüchterungszelle des erwachens / gegangen. // nun stehe ich nieder, / lege mich auf / die bahre dieses sonnigen tags, / einer der ersten des frühlings. //
Jörg Mayer

Wednesday, April 11, 2012

too large

Spätes Erwachen

So wie ein Mensch nach lärmendem Gelag
Noch spät zu Mitternacht nicht schlafen mag
Und seine Ruhe erst findet knapp vor Tag;
Und süß erst schläft beim hellen Morgenschein,
So reichte in die Jugend mir hinein
Versäumter Schlaf von einem vorigen Sein. -
O wüßt ich doch, was mich nicht schlafen ließ!
Ob mich ein Gott vom Bacchanal verstieß?
Ob ich betrunken kam vom Paradies?




Christian Wagner (1835-1918)

frech !

Beherzigung

Ach, was soll der Mensch verlangen?
Ist es besser, ruhig bleiben?
Klammernd fest sich anzuhangen?
Ist es besser, sich zu treiben?
Soll er sich ein Häuschen bauen?
Soll er unter Zelten leben?
Soll er auf die Felsen trauen?
Selbst die festen Felsen beben.
Eines schickt sich nicht für alle!
Sehe jeder, wie ers treibe,
Sehe jeder, wo er bleibe,
Und wer steht, dass er nicht falle!


Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

mercredi

Aquarium | pinguinförmige Betrachtung

die Daseinsfische und Montagequallen.
das geschaute Wasser.
seine Disgeometrie.
die Wellen als schlechte Beispiele
Flügel zu beschreiben.
und Nassvögel auf ihrer Suche nach Tendenzgeschöpfen.
Schreitwürmer in alligatorischen Nestern.
Eintagesmöwen pars pro toto.
an der Kante zum gehärteten Sand
mittlere Balzvorfälle
zwischen Animierwesen und Boykottdrohnen.
daher der feine Film aus Lust
und Aussterbegeräusch.
schönste Kompressionsartefakte.
und durchlässiges Licht.
ein längst überwunden geglaubtes Vampirlicht.
das ich tat.
Ron Winkler (*1973)

Monday, April 9, 2012

ein narr wartet auf antwort

Heinrich Heine (1797-1856)
Fragen
Am Meer, am wüsten, nächtlichen Meer
Steht ein Jüngling-Mann,
Die Brust voll Wehmut, das Haupt voll Zweifel,
Und mit düstern Lippen fragt er die Wogen:
»O löst mir das Rätsel des Lebens,
Das qualvoll uralte Rätsel,
Worüber schon manche Häupter gegrübelt,
Häupter in Hieroglyphenmützen,
Häupter in Turban und schwarzem Barett,
Perückenhäupter und tausend andre
Arme, schwitzende Menschenhäupter -
Sagt mir, was bedeutet der Mensch?
Woher ist er kommen? Wo geht er hin?
Wer wohnt dort oben auf goldenen Sternen?«
Es murmeln die Wogen ihr ewges Gemurmel,
Es wehet der Wind, es fliehen die Wolken,
Es blinken die Sterne, gleichgültig und kalt,
Und ein Narr wartet auf Antwort.

gedanken am morgen

Friedrich Rückert (1788-1866)

Letzter Schmuck





Ich will, wann ich gestorben werde sein,
Als Blume blühn aus meines Grabes Staube:
Daß, die mich tötet jetzt, mich pflücke fein,
Und Liebe noch einmal mein Leben raube.
Ich will, wann ihre schöne Hand mich pflückt,
Daß sie nicht wisse, wen sie also pflücke;
Daß sie, mit der ich lebend mich geschmückt,
Im Tode doch mit mir einmal sich schmücke.

Friday, April 6, 2012

sable mouvants - jacques prévert

Démons et merveilles
Vents et marées
Au loin déjà la mer s'est retirée
Et toi
Comme une algue doucement caressée par le vent
Dans les sables du lit tu remues en rêvant
Démons et merveilles
Vents et marées
Au loin déjà la mer s'est retirée
Mais dans tes yeux entrouverts
Deux petites vagues sont restées
Démons et merveilles
Vents et marées
Deux petites vagues pour me noyer.

liebe und vertrauen

Trois allumettes une à une allumées dans la nuit
La premiere pour voir ton visage tout entier
La seconde pour voir tes yeux
La dernière pour voir ta bouche
Et l´obscurité tout entière pour me rappeler tout cela
En te serrant dans mes bras.


Jacques Prévert
Paris at Night

les deux

Une orange sur la table
Ta robe sur le tapis
Et toi dans mon lit
Doux présent du présent
Fraîcheur de la nuit
Chaleur de ma vie


Alicante - Jacques Prévert